Ich erreiche Dubrovnik über eine große Brücke und blicke hinab auf die Dächer der Stadt. Von hier oben scheint sie sich nicht wesentlich von den anderen Städten zu unterscheiden. Helle Fassaden, orange Dächer, viel Kalkstein und ab und an ein moderner baulicher Vertreter der letzten 50 Jahre.
Beim Ankommen in einer Stadt mit dem Fahrrad erlebt man die Disparitäten in Bezug auf Wohlstand, je näher man ans Zentrum gelangt, noch etwas deutlicher, als mit dem Auto. Uneinsichtige schmale Straßen, Kartons und anderer Sperrmüll, Ammoniakgeruch, zwielichtige Gestalten, Drogendealer und Sexshops. Nicht, dass ich mich hier auch in eine Bushaltestelle zum Schlafen legen würde, aber ich mag es trotzdem auch diese Wahrheit über die Stadt zu erfahren, bevor ich in die isolierten, aufgemotzten Tourigassen komme. Zuerst irre ich etwas umher und mein erster Eindruck bleibt sonderlich verhalten. “Was soll diese Stadt haben, dass hier Kreuzfahrtschiffe ankern?”, denke ich. Ich beschließe ein paar Tage zu bleiben, um mich von den Vibes der Statdt führen zu lassen und die “Perle der Adria” besser kennenzulernen. Ein Hostel muss her. Das erste Kommentar unter dem billigsten Hostel “Wer keinen Wert auf Ausstattung oder Luxus legt, wird nicht preiswerter in Dubrovnik übernachten können” catched mich und ich statte dem Quartier in der Ammoniakgegend einen Besuch ab. Hier empfängt mich der freundliche Host, der auch gebrochenes Deutsch spricht, da er zwei Jahre in Berlin Schmuckhändler war. Er zeigt mir mein Zimmer und ,Nachsaison sei Dank, beziehe ich das achtbettige Zimmer allein. Ich beziehe gewissermaßen das ganze Hostel allein, da nur er und seine Frau noch im Nachbargebäude leben. Im Gespräch mit dem Hostelbetreiber beantwortet sich dann auch das Geheimnis der Stadt. Ich frage ihn nämlich, wo man hier am besten Straßenmusik machen könne und er entgegnet mir: “In der alten Stadt“, und zeigt es mir sogleich auf der Karte. Jetzt erkenne ich erst, dass ich den eigentlichen Kern der Stadt noch gar nicht erreicht habe, da sich Dubrovnik gewissermaßen über zwei Buchten erstreckt. Ich habe bis jetzt quasi nur die “neue” Stadt gesehen. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich mir auf der Reise nie im Vorfeld einen Eindruck von den Städten mache, die auf der Route liegen. Ich lege Wert darauf, dass mich die Vibes eines Ortes führen und mein Interesse wecken.
Am Folgetag geht es dann also in die alte Stadt und hier werde ich mit einem Bauwerk konfrontiert, das ich in Bezug auf Massivität mit keinem weiteren erlebten Bauwerk vergleichen kann. Kein CN Tower in Toronto, nicht das Olympiastadion in Berlin, nicht Londons Towerbridge und auch keines der Deltabauwerke in den Niederlanden kann es mit der Festung Dubrovnik aufnehmen. Es ist beinah lächerlich, sich vorstellen zu wollen, welch extremer Aufwand allein für die Festungsmauern nötig war. Es fühlt sich beinah so an, als hätten die kolossalen Wände eine spürbare Gravitation. Imperialistisch.
Über eine Zugbrücke betrete ich die Stadt, wo ein E-Gitarrist die Menschen mit mittelalterlichen Melodien unterhält. Zudem ist er auch noch wie ein Hofnarr verkleidet und so gut wie jeder Touri möchte ein Bild mit ihm. Er spielt zwar immer das Gleiche, aber sein Outfit ist so catchy, dass sich sein Gitarrenkoffer schon gut gefüllt hat. Das erkenne ich, als ich ihm für sein Engagement auch einen Silbertaler zustecke. Hinter der nächsten Hauswand gleich noch ein Hofnarr mit einer Ukulele. Musikalisch nicht besonders, aber auch hier ist es wieder sein Narrendress, was die Coins klimpern lässt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich mit meinen Genren nicht hierher gehöre und blöd verkleidet bin ich auch nicht. Mit ein bisschen Bammel versuche ich es trotzdem in der Hauptpassage. Was soll ich sagen?! Nach einigen Jahren “Berufs”-Erfahrung weiß ich, dass ich immer ein paar Kinder zum Ziehen an Mamas oder Papas Ärmel bewegen kann und die mir dann schüchtern die Taler reinschmeißen. Kinderzuhörer sind toll. Zwei, drei Mädels, die ich emotional fesseln kann, gehören natürlich auch zu jedem Auftritt. Prinzipiell weiß ich deshalb, dass ich nie leer ausgehe, aber zufriedenstellend ist der Gig am Ende nicht. Die Mitbewerber machen einfach zu viel her.
Brauch ich etwa auch einen dämlichen Hut mit Bommeln? Mit Fragen, wie diesen begebe ich mich irgendwann ins Hostel und schlafe. Dubrovnik hat mich am Haken. Ich verlängere meinen Aufenthalt, um meine verschiedenen Erfahrungen und Eindrücke mit der Stadt in Einklang zu bringen und zu verstehen, welche Magie die Adriaperle auf mich wirken lässt. Ich bin kein Verfechter von Hexerei und Zauberkunst, aber irgendwas fühlt sich hier magisch an. Ich steige auf den angrenzenden Berg, um alles überblicken zu können. Atemberaubendes Panorama. Ich spiele noch zweimal auf der Straße. Gleiches Ergebnis.
Fürs Essen reichts. Ich muss meinen nicht vorhandenen Trottelhut vor den Hofnarren ziehen. Beim letzten Sonnenuntergang, den ich in Dubrovnik erlebe, sitze ich mit Blick aufs weite Meer auf einigen Felsen vor den gigantischen Mauern. Das Plätzchen lässt sich nur durch einen schmalen, gewölbten
Mauerdurchgang erreichen und befindet sich im hintersten Eck der Altstadt. Nicht nur, dass hier nur noch wenige Menschen einen Stadtrundgang unternehmen, sondern auch, dass der bewachsene, feuchte Durchgang nicht gerade einladend und zugänglich aussieht, macht diesen Ort zu einem absoluten Geheimtipp.
Keine andere Seele ist hier und ich versuche noch einmal bewusst ein zufriedenstellendes Ergebnis, über die Bedeutung Dubrovniks für mich zu erlangen. Mein Blick schweift zwischen Horizont und steinernder Festungswand. Warum solch eindrucksvolle Mauern? So viel Blut und Wasser. Zum Schutz vor der See? Die See hier ist so ruhig und lau. Die Wellen erreichen kaum den Fuß der vorgelagerten Felsen. Ich schließe auch aus, dass die Mauer vor Walen schützen soll, die ausversehen auf den Marktplatz springen könnten. Das mächtige Bauwerk von mühevoller Menschenhand errichtet, schützt Menschen vor Menschen. Sicherheit. Die Mauer ist eine Reflektion dessen, wie Menschen seit jeher zueinander sind. Sie sind so zueinander, dass sie Mauern brauchen. Schade.
Mit diesen Gedanken beginnt der Koloss vor meinem inneren Auge zu bröckeln und ich fühle mich vom Bann Dubrovniks gelöst. Die Stadt bleibt sehenswert und beeindruckend und der Aufenthalt lässt mich ausgeglichen meine Reise fortsetzen.

 

PS: Cool, dass euch das Logo so gut gefällt und ihr damit eure Klamotten im Spreadshirt-Shop kreiert! Vielen Dank!

 

Dubrovnik, 0km
Total: 1754km
12.11.2018-13.11.2018
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