Der Folgetag ist sehr windig und irgendetwas beginnt gar nicht gut an der hinteren Scheibenbremse zu klingen. Sie verliert an Bremskraft und es hört sich an, als würde beim Bremsen Stein auf Metall schrammen. Erst benutze ich sie nur noch selten, aber bei längeren Bergabfahrten schafft es die Vorderbremse teilweise allein nicht, mir völlige Kontrolle zu geben, weshalb ich bei dem Wind und der doch sehr befahrenen Straße, ohne Seitenstreifen, lieber schiebe.  Witzigerweise ist es mir nicht unbekannt, dass ich bergauf fahre und bergab schiebe, da mich auch auf meiner letzten Tour nach Portugal die Bremsen des zwanzigjährigen Drahtesels im Stich ließen. Damals war das Problem jedoch von Beginn an präsent. Das neue Fahrrad hat die Macke erst entwickelt.
Am Nachmittag sehe ich von der höher gelegenen Straße eine idyllische Lagune am Rand einer Ortschaft. Ich fahre hinab und finde einen coolen Spot zum Nächtigen. Die verlassenen Shops und Bars hier erinnern an die Hauptsaison. Heute fischt nur ein Vater mit seinem Sohn am leeren Strand und ich beziehe einen gemauerten Turm mit Holzdach, der im Sommer Bestandteil einer Bar ist, die wie eine Festung in den Fels gebaut wurde. Hier setze ich mich auch mit meinem Fahrradwerkzeug an die Bremsvorrichtung, merke aber schnell, dass ich von der Mechanik nicht so viel weiß, wie ich vielleicht sollte. Mein “Wenn etwas passiert, guck ich mir ein Youtubevideo an -Plan” geht in Montenegro nicht auf, weil hier unwissentlich hohe Roaminggebühren anfallen. Entweder es klemmt ein Stein oder die Bremsbeläge sind runter. Wenn es die Beläge sind, habe ich keinen Ersatz dabei und könnte es eh nicht reparieren. Ich spucke etwas Wasser in die Vorrichtung, um einen eventuellen Stein zu beseitigen und teste dann. Das Geräusch ist fast weg, aber das Bike ist auch unbeladen. Ich will nichts noch schlimmer machen, belasse es dabei und verbringe eine echt stürmische Nacht. Es ist so frisch und windig geworden, dass ich mich im Laufe der Nacht nicht mehr auf der Liege, die ich mir vom Strand hochgeholt habe, halten konnte. Ich habe dann meine Isomatte auf den Boden gelegt und den Schlafsack mit der Liege zugedeckt, um mich vor dem Wind zu schützen. Ein schneller Blick ins Internet verrät mir, dass ein Fahrradhändler im zwanzig Kilometer entfernten “Bar” ansässig ist. Abwechselnd bergauf fahrend und bergab schiebend komme ich in die Stadt, wo mir Großes widerfahren wird. Auf einem Parkplatz eines Lebensmittelhändlers, unmittelbar vor dem Fahrradhändler, heben zwei gut gelaunte junge Männer den Arm und grüßen mich und staunen über den ganzen Kram auf dem Bike. Keine unübliche Situation in dem Land, wo mir heute Morgen ein junger Ladenmitarbeiter bei der Suche nach Hummus behilflich ist und mir danach auf die Schulter klopft und sagt: “Keine Ursache, Sir.” Die beiden kommen näher, reden fließend Deutsch und wir unterhalten uns kurz. Ich frage sie nach dem Weg und schildere mein Bremsenproblem. Sie sind Brüder, aber Alan, der Ältere übernimmt das Reden. Er meint, dass er sich mit Fahrrädern auskennt, die passenden Bremssteine Zuhause hat und ich sein Gast sein soll. Ich bin skeptisch. Mir passieren viele gute Dinge, aber Bestandteil der deutschen Wertekultur, unter dessen Einfluss ich ja nunmal auch viele Jahre meines Lebens stand, ist ein gewisses Maß an Misstrauen, wenn zu viel Gutes aus dem grinsenden Gesicht eines südländischen Herren kommt. Mein Herz sagt mir, dass sie gut sind, mein Verstand braucht mehr Informationen. Alan ist voller Elan und wartet auf meine Antwort. “Wo wohnst du denn?”, frage ich. “In einem Haus, sieben Kilometer entfernt.”, antwortet er.”Und da wohnst du allein?”, frage ich weiter. “Nein, ich habe eine Frau und drei Kinder.”, entgegnet er mit Stolz. Ah, eine Familie. Das bedeutet in den meisten Fällen Verantwortung, Vernunft und Liebe. Ich gebe mir einen Ruck und der Welt eine Chance. Alan ist mit dem Auto da. Ein Fahrzeug, das es nicht einmal auf den Parkplatz eines deutschen TÜVs geschafft hätte. “Aber mein Fahrrad passt doch gar nicht mehr ins Auto.”, erwähne ich. “Klar, das packen wir aufs Dach.”, sagt er zuversichtlich. “Hast du Spanngurte?”, frage ich. “Ach, gib mir einfach deine Gummibänder.”, erwiedert er, während er ohne Rücksicht auf den Lack seines Autos das Bike aufs Dach hieft. Ich rümpfe die Nase und obwohl seine Befestigung recht ordentlich zu funktionieren scheint, sichere ich alles noch mit meinem Schloss am Dachgepäckträger. “Mach dir keine Sorgen, wir sind hier in Montenegro, da guckt keiner auf vorschriftsmäßige Befestigung.”, sagt er. Gut, das gibt mir mein Fahrrad aber auch nicht zurück, wenn es während der Fahrt auf die Straße klatscht. Es geht alles gut und wir erreichen sein Haus. Mein mulmiges Gefühl ebbt nicht ab, als wir die Wohngegend befahren, wo sich sein Haus befindet. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Menschen hier in Armut leben. An den Strommasten hängen zusätzliche Kabelbäume, die zu den zusamengeschusterten Häusern führen. Die Straße ist mit Schlaglöchern übersäht und besteht größtenteils aus Schotter, magere Hunde, Katzen und Hühner laufen frei umher und Kinder spielen mit alten Bällen auf der Straße. Seine Frau öffnet die Tür des alten Flachbaus und Alan stellt mich seiner Familie vor. Jetzt verschwinden die Zweifel darüber, dass alles eine Masche sein könne. Ich werde einfach nur mit ungewohnter Gastfreundschaft konfrontiert. Kaum haben wir mein Zeug entladen und ins Kinderzimmer gebracht, wo ich die Nacht verbringen soll, setzt sich Alan an mein Fahrrad. Seine Handgriffe wirken durchaus gekonnt und ich frage ihn, woher er das könne. “Ich habe in Deutschland 13 Jahre in einer Fahrradwerkstatt gearbeitet und so gut wie jede Mechanik kennengelernt.” , antwortet er. Gewissenhaft legt er die Bremsbacken frei und kann es nicht fassen, wie sehr die Bremssteine am Ende sind. Sowohl vorn, als auch hinten sind so gut wie keine Steine mehr vorhanden.

Hier entgegen  seiner Vermutung passt jedoch keines der Paare, welche er zu Hause hat. Seine Frau kocht mir einen Kaffee und er sagt mir, dass ich mich ausruhen solle, während er die passenden Teile holt. Er fährt 40 Kilometer, um originale KTM Bremsbacken zu holen und installiert diese nach seiner Rückkehr einwandfrei. Ich kann ihm dabei die ganze Zeit über die Schulter gucken und Fragen stellen, damit ichs beim nächsten Mal auch allein begreife. Enthusiastisch geht er aber noch weiter. Er kontrolliert die Bremsscheiben und pfeilt Unebenheiten herunter, er ölt die Kette und jedes reibende Element. Zum Abschluss putzt er sogar noch den ganzen Rahmen und betont mehrmals, dass es ihm sehr wichtig sei, gute Arbeit zu leisten, damit er ruhig schlafen könne, wenn ich weiter fahre. Jede Hilfe meinerseits weist er zurück, bittet mich Platz zu nehmen  und sein Gast zu sein. “Was arbeitest du eigentlich?”, frage ich, während ich ihm von meinem Hocker bei der Arbeit zusehe. “Ich habe seit drei Monaten einen Job von der Kirche bekommen. Ich putze dort für 200 Euro im Monat.”,erzählt er. “Bist du Christ?”, möchte ich wissen. “Ja. Wie meine ganze Familie.”, antwortet er. “Was hast du vor dem Kirchenjob gearbeitet?”, frage ich. “Davor habe ich auf dem Bau gearbeitet, aber ein Albaner hat mir meine Maschinen geklaut und nun bekomme ich keinen Job mehr.”, entgegnet er. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass die Lage in Montenegro so aussieht, dass es viel Schwarzarbeit gibt und viele der Männer ihr Geld auf der Straße verdienen, indem sie Schrott sammeln, Holz machen oder eben auf dem Bau arbeiten. Jeder ist sozusagen selbständig, wenn er eine Maschine hat. Alan fährt fort, dass sein Job bei der Kirche nur auf vier Monate befristet ist, da es viele Menschen gibt, die die Kirche um Hilfe bitten. 200 Euro für Strom, Wasser, Frau und drei Kinder. Unvorstellbar für mich, auch wenn ich schon festgestellt habe, dass Lebensmittel äußerst günstig zu erwerben sind. “Gehen deine Kinder in die Schule?”, frage ich, obwohl ich die Antwort vermute zu kennen. “Mein ältester Sohn (7 Jahre) ist jetzt zur Schule gekommen, aber Bildung kostet und deshalb kann ich meine Tochter (15 Jahre) nicht in die nächste Klasse schicken. Ich kann mir die Lehrmittel nicht mehr leisten, seitdem meine Maschinen geklaut wurden.”, antwortet er. Er seufzt und putzt dabei weiter an meinem Fahrrad. “Warum bist du nicht mehr in Deutschland?”, frage ich. “Ich wurde abgeschoben.” , antwortet er. Die neuen Gesetze, die aus der “Flüchtlingskrise” der letzten zwei Jahre resultieren, erfassen auch seine Situation und schicken diesen integrierten, fähigen Menschen zurück in die Armut. Ich kann nicht fassen, wie viel braunes Gesindel ich daheim kennenlernen musste, das nicht ansatzweise so verantwortungsbewusst ist, geschweige denn so gut Deutsch sprechen kann.
Ich versuche mich auch in die entgegengesetzte Situation zu versetzen. Würde ein Deutscher, ohne Weiteres, einem ausländischen Reisenden die Gastfreundschaft anbieten, ohne Gedanken daran zu haben, dass er klauen oder morden könnte?! Kennt der Deutsche überhaupt diese Art der Nächstenliebe? Wo sind da die christlichen Werte, die es zu schützen gilt? Werte kann man doch nur schützen, wenn man sie lebt…
Geschwitzt von der Arbeit an meinem Fahrrad präsentiert mir Alan das Ergebnis und schwört, dass ich nun bis ans Ende der Welt fahren könne. Die Probefahrt überwältigt mich und ich kann meinen Dank über die neuen Fahreigenschaften und dem Wissen darüber, wie ich nun selbst reparieren kann, kaum in Worte fassen. “Was kann ich tun, um diesem Menschen zu helfen?”, denke ich, während ich eine seiner Zigaretten mit ihm in der Küche rauche. Eine ältere Dame betritt das Haus, grüßt mich und setzt sich zu uns. Ich bemerke, dass sie und Suki, Alans Frau, nicht so dem Deutsch mächtig sind, wie er, weshalb ich Alan frage, wer die Dame ist. “Das ist meine Mutter.”, antwortet er. Die Dame scheint dies zu verstehen und sagt: “Ich bin seine Tante.” Alan interveniert: “Nein, nein, du hast mich großgezogen und bist meine Mutter.”. “Was ist mit deinen Eltern?”, frage ich zaghaft. “Meine Eltern sind im Krieg gestorben.”, antwortet er bedrückt. Ich kann das Leid seiner Situation kaum fassen und bin nun noch gewillter, mich bei ihm zu revanchieren. “Komm, ich zeige dir noch die Stadt. Mein Sohn hat morgen Geburtstag und ich möchte ihm ein neues Spiel kaufen.”, schlägt Alan vor. Er, seine Frau, seine Kinder und ich quetschen uns in seine Klapperkiste und auf gehts. Sie lachen und freuen sich über den Ausflug. Beim Durchstöbern der Läden nach einem Spiel, werden wir nicht fündig, da sich vieles außerhalb der finanziellen Mittel befindet. Sein Sohn bleibt dabei äußerst zurückhaltend und nicht enttäuscht, da er zu begreifen scheint, dass das Geld knapp ist. Wir passieren einen Baumarkt, wo eine Kettensäge im Schaufenster ausgestellt ist. Der Familienvater blickt betrübt durch das Glas und sagt: “Hier Lukas, so eine hatte ich auch mal. bis sie mir geklaut wurde.”

Ich schweige. Wir gehen weiter. Woher nimmt dieser Mann die Kraft, nach vorn zu blicken? Wie kann er verantworten mich aufzunehmen, mir zu helfen und durchzufüttern, während seine Familie vor der Frage steht, ob sie im nächsten Monat das Internet oder warmes Wasser bezahlt? Er hat nicht einmal von Entlohnung seinerseits gesprochen, obwohl für mich längst feststeht, dass ich ihm mehr als den Preis der neuen Bremsbeläge bezahle. Wir steigen zurück ins Auto. Nein. Wenn es nur eine einzige Maschine ist, die ihm einen Job verschafft, seine Tochter zurück in die Schule bringt und das Wohlergehen seiner Familie sichert, bin ich dankbar genug, um ihm damit zu helfen. Wir sitzen schon alle im Auto, als ich zu ihm sage: “Komm, wir gehen nochmal zurück!”. Seine Frau und die Kinder bleiben derweil auf der Rückbank. Vor dem Schaufenster sage ich ihm, dass ich jetzt die Kettensäge für ihn kaufe. Er lacht unglaubwürdig und sagt: “Nein, du bist Reisender und brauchst das Geld selbst.” Ich schüttel den Kopf und betrete das Geschäft. Er folgt mir. Wir lassen uns von einem der Mitarbeiter das Objekt und den Ersatzteilumfang zeigen. Alans Augen funkeln und er betrachtet jedes Teil , wie ein kleiner Junge sein Weihnachtsgeschenk. “Ist die ok?”, frage ich ihn. Er ist gefasst und senkt schweigend den Kopf. Wir gehen zur Kasse. Ich bezahle und überreiche dem Mann den Karton, in dem sich seine Zukunft befindet. Er kann nicht mehr. Er zittert. Er legt seine Stirn auf den Karton und flüstert: “Dankeschön.” Er schluchzt und weint. Ich klopfe ihm auf die Schulter und sage: “Ich danke dir”. Wir kehren zurück zum Auto. Alan wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und steigt hinters Lenkrad. Er blickt seiner Frau durch den Rückspiegel in die Augen und schüttelt den Kopf, als wolle er ihr damit sagen, dass sie sich nicht vorstellen kann, was gerade passiert ist und dass sich nun alles ändert. Zurück an seinem Haus kann es Alan nicht erwarten, die neue Maschine zu testen. Voller Überwältigung ruft er seine Nachbarn zusammen und lässt die Säge aufheulen. Zehn Männer stehen im Kreis und begutachten das Objekt. Er erzählt ihnen auch die Geschichte unserer Begegnung und wie dankbar er mir ist. Er stellt mich beinahe auf die Stufe eines Heiligen und dankt Gott für mein Erscheinen. Mir ist so viel Dankbarkeit unangehem und ich kann auch mit der Bewunderung der anderen Männer nicht umgehen. Ich begreife zwar, dass ich geholfen habe, aber ich kann nicht verstehen, dass ein einziges Werkzeug so signifikant auf das Wohlergehen einer Familie einwirkt. Die Spanne zwischen unseren Gesellschaften ist hier so gewaltig, dass mich die Disparitäten innerhalb der EU erschrecken. Ich verbringe eine sehr angenehme Nacht im Kinderzimmer, wo sonst die beiden Söhne nächtigen. In dieser Nacht schlafen sie mit im Schlafzimmer von Suki und Alan. Alan packt mir ein Proviantpaket, wovon ich locker zwei Tage essen kann und dann trennen sich unsere Wege. Auch beim Abschied kann er sich seine Tränen nicht verdrücken und seine ganze Familie wünscht mir das Beste für die weitere Reise.

Bar, 50km
Total: 1884km
15.11.2018-17.11.2018

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2 comments

    1. Hallo Konrad,
      tatsächlich stimmt irgendwas mit meiner Handykamera nicht. Die Linse hat einen dicken Kratzer, aber ich möchte mein Handy deshalb noch nicht ersetzen.

      LG
      Lukas

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