Mit neuen Belägen geht es ins ärmste Land der EU. Albanien. Eine Küstenstraße gibt es im Norden nicht, weshalb ich mich auf einer verkehrsreichen Bundesstraße durchs graue Inland bewege. Die Landschaft ist kahl, überall stehen alte zusammengeschusterte Häuser mit ungepflegten Grundstücken, am Straßenrand liegt Müll, die Städte sind wuselig und chaotisch, jedes zweite Auto ist ein altes Mercedes-Modell und zu allem Überfluss gibt es neben freien Hühnern, Kühen, Schafen und Ziegen auch zahlreiche herrenlose Hunde, auf die ich eine ganz besondere Anziehung auszuüben scheine. Glücklicherweise ließen sich die kläffenden Angreifer bis jetzt immer durch lautes Brüllen vertreiben. Aber nicht alles ist hier negativ. Die Menschen, denen ich begegne, sind sehr freundlich und gute Gastgeber. Feste Unterkünfte, die ich ab und an wetterbedingt aufsuche, liegen preislich zwischen vier und sechs Euro und das Obst der Straßenhändler ist außerordentlich geschmacksintensiv. Je weiter ich in den Süden des Landes gelange, desto mehr wandelt sich das optische Erscheinungsbild. Es wird etwas grüner, Straßendienste räumen auf und die geliebte Küstengegend kehrt mit dem Städtchen Vlora zurück. In Vlora verbringe ich, nicht nur aufgrund der Wetterlage, drei Tage, sondern auch um meinen Geburtstag etwas zu begehen. Entgegen mancher Erwartung, bin ich nicht unglücklich darüber an so einem Tag allein zu sein. Erstens komme ich ganz gut mit mir klar und zweitens gibt mir dieser Tag auch nicht so viel, da das Alter ja nicht wirklich etwas über einen Menschen aussagt. Sammelt man Jahr für Jahr qualitativ ähnliche Erfahrungen oder hält stur an gemachten Erfahrungen fest, spielt es keine Rolle, wie viele Jahre man hier schon verweilt, weil man sich geistig dann wohl kaum weiterentwickelt. Ab Vlora wird es dann echt heftig. Meine Weiterfahrt verzögert sich nach 20 Kilometern um zwei Tage, da mich Regen und Sturm in die Knie zwingen. Gegenüber einer Tankstelle in einer dörflichen Gegend, finde ich Unterschlupf in einer alten Tankstelle. Die Ruine scheint von Zeit zu Zeit auch von anderen Menschen bewohnt zu sein, da sich eine Couch und ein improvisiertes Bett im Hinterzimmer befindet. Die Location habe ich in einem Video festgehalten, welches mein lieber Bruder unterhaltsam zusammengeschnitten hat.

Hier geht es zum VLOG #1

Da die Supermärkte recht rar werden, habe ich mich für solche Situationen mit Notproviant eingedeckt. Ich habe mittlerweile sechs Liter Wasser im Gepäck, ein Kilo Kekse, ein Kilo Haferflocken, Brot, Rousinen und Bananen. Eben alles, was lange hält und mir zumindest die nötigen Kalorien zum Radeln gibt. Aber nicht nur die Einkaufsmöglichkeiten werden weniger. Es gibt auch immer seltener die Möglichkeit, Bargeld abzuheben. Natürlich versuche ich über Google Maps zu kalkulieren und gucke mir an, wo sich die nächsten Bankautomaten auf der Route befinden, aber als ich in Dhermi vor einer Automatenruine stehe und mir die Einwohner erzählen, dass der Automat nur in der Hauptsaison angeschlossen ist, stehe ich plötzlich ohne Cash da. Kekse und Haferflocken sei Dank, weiß ich, dass ich bis zum nächsten Automaten, der sich 30 Kilometer entfernt befindet, nicht verhungern werde. Auch an diesem Abend ziehen schwarze Wolken vom Meer heran und bedecken allmählich den Abendhimmel. Ich gucke mich nach einem Unterstand für die Nacht um, finde aber nichts geeignetes. Ich spreche einen Jugendlichen an, ob er eine Idee habe. Fedihr ist 16 jahre alt und ist äußerst engagiert, mir zu helfen. Auf gebrochenem Englisch gibt er mir zu verstehen, dass ich ihm folgen solle. Wir treffen auf einige seiner Kumpels, die im Dorf in einer Strandbar arbeiten. An sich würde sich die Überdachung der Bar eignen, was die Jungs aber nicht verantworten können, weil der Besitzer nicht vor Ort ist. Verständlich. Dennoch beraten sich die Boys und finden eine Lösung. Wieder soll ich Fedihr folgen. Wir folgen dem sandigen Weg am Strand, bis wir am Ende an einem alten Wohnmobil ankommen.
“Da sind wir “, sagt er. “Der Besitzer ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr da gewesen und wenn du dich hier heut Abend ruhig verhältst, passiert schon nichts “, fährt er fort. Das Wohnmobil wurde ordentlich hinterlassen, ist von innen immer trocken geblieben und die Gegend ist fernab vom nächsten Wohnhaus. Außerdem bietet es Schutz vor den elendig vielen Streunern. Etwas mulmig ist mir bei diesem halblegalen Unterfangen schon, ich stimme aber zu und verbringe eine gemütliche Nacht bei prasselndem Regen aufs Wohnmobilgehäuse.

Die Berge im Süden Albaniens, die sich vor mir türmen,  haben es echt in sich. Die Anstieg ist 10% oder steiler und lässt sich für mich nur schiebend überwinden. Ganze zwei Tage schiebe ich mein Bike über den Pass um Mount Cika. Der Ausblick an der höchsten Stelle des Passes ist belohnend, macht aber leider nicht weg, was sich an den drei Folgetagen in meinen Waden abspielt. Sie sind komplett verhärtet und krampfen um die Wette. Ich pausiere deshalb im Örtchen Himare in einer äußerst preiswerten Unterkunft, die ich ausfindig machen konnte, indem ich einen Barkeeper um Rat nach einer günstigen Bleibe bitte. Dieser gibt mir zwei Jugendliche an die Hand, die mich zu einem Hostel führen, welches sich gerade im Umbau befindet. Der Sohn des Betreibers spricht gut Englisch, bewundert meine Reise und bringt ich zu einem Haus, welches auch noch nicht hundertprozentig fertig gestellt ist, jedoch über einige bewohnbare Räumlichkeiten verfügt. Hier verbringe ich einige kreative Tage. Ich schreibe viel, arbeite an einigen Songs und plane mir einen Weg durchs bevorstehende Griechenland. Alles in allem werde ich zukünftig Albanien mit fordernden, adrenalinreichen, teils nasse und anstrengenden Erlebnissen verbinden. Landschaftlich ist besonders der Süden des Landes hervorzuheben, wobei ich diese aufgrund der ätzend vielen Begegnungen mit wilden Hunden nicht allzu sehr genießen kann. Ich will den Vierbeinern auch nicht zu viel Böses, da es nie zu Bissattacken gekommen ist, aber es ist leider in meiner Natur, dass es mir schwer fällt, bei einem hüfthohen, kläffenden Hütehund keine Angst zu empfinden. Interessanterweise ist es genau diese Angst, die mich rückblickend total lebendig gemacht hat. Das Ausstehen und Bestehen einer Situation fernab der Komfortzone.

Himare, 337km
Total: 2221km
18.11.2018-03.12.2018

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