Von Himare sind es noch gut 50 Kilometer und 20 Hundeattacken bis nach Saranda. Im Hafen der Stadt sehe ich, dass Fähren ablegen und ein Blick auf die Karte zeigt mir auch wohin. Insel Korfu. Klingt gut. Beim Kauf des Fährtickets bei einem Reiseveranstalter erfahre ich außerdem, dass weitere Fähren von Korfu ablegen und mich noch etwas weiter in den Süden Griechenlands bringen können. Der Fährübergang von Saranda/Albanien nach Korfu/Griechenland ist eine internationale Fährfahrt, weshalb flughafenähnliche Kontrollen des Gepäcks durchgeführt werden. Sprich, Röntgengerät und Metalldetektor. Zum Eincheckgate gehts mit Rolltreppen. Schnell wird mir und den Securityleuten klar, dass das mit dem beladenen Bike nicht möglich ist. Sie führen mich ums Gebäude herum und ich komme über einen Hintereingang ans Gate. Die Röntgengerätbeauftragten schmunzeln, als sie  mich und das ganze Zeug sehen. Sie tuscheln und sind sich nicht einig darüber, wie sie mit mir verfahren, da sie das Fahrrad nicht ins Röntgengerät schieben können. Ein Blick auf meinen Reisepass lässt sie ein gewisses Potential an Vertrauenswürdigkeit bei mir vermuten.

“Ahh Deutschland“, sagt einer der albanischen Grenzwächter und kommt näher, um mein Zeug manuell zu inspizieren. Er lässt mich meine Vordertaschen öffnen, guckt sehr, sehr flüchtig hinein, dann streift er mit seiner Hand über den Schlafsack, drückt etwas auf der Isomatte herum und dann wars das mit der Kontrolle. “Gute Reise.”, sagt er mit albnischem Akzent auf Deutsch und lächelt.

Mit nur acht weiteren Personen geht die Fahrt mit der Personenfähre nach Korfu. Als wir uns der Insel nähern kann ich gut überblicken, wie die gleichnamige Stadt Korfu aufgebaut ist. Hafen, Tourigassen und eine Altstadt. Ich fühle mich nicht nach Stillstand oder dass ich mich hier umsehen möchte und nehme deshalb nach zwei Stunden Korfuaufenthalt eine weitere Fähre zur Küstenstadt Igoumenitsa. Mitten in der Nacht komme ich dort an, begebe mich auf Schlafplatzsuche. Es ist kalt und leider liegen auch hier überall Hunde rum, weshalb ich nicht irgendwo auf dem Boden schlafen möchte. Ich folge blind einer Straße am Meer und komme zu einer Wartehalle eines Bahnhofs. Perfekt. Es ist warm, andere Menschen warten hier auf ihre Anschlussverbindungen und ich mache es mir auf einigen Stühlen bequem. Die Folgetage sind sonnig, doch die Nacht bringt zunehmend Kälte und Nässe mit sich. Nach einer sehr frischen, schlaflosen Nacht an einem äußerst ausgetrockneten, aber idyllischen See, beginne ich deshalb wieder im Zelt zu schlafen. Kurz vor Preveza verbringe ich wetterbedingt zwei Tage am Strand unter einer überraschend regendichten Dachkonstruktion aus Palmenblättern. Tagsüber wasche ich mich im erzürnten Meer und lasse mich von den Wellen umherwirbeln. Ich kann sogar mal wieder die Slackline spannen und balancieren. Abends spiele ich Gitarre und schreibe. Ein schöner, einsamer Kurzaufenthalt an dem verlassenen Strandabschnitt bei Preveza.

Von Preveza nach Actio gelangt man nur durch einen Tunnel. Im Internet lese ich, dass dies mit dem Fahrrad nicht erlaubt ist. Was aber auch in einem Bikerforum steht, ist, dass man mit einem kleinen Trick eventuell doch hindurch gelangen kann. Man solle ahnungslos und überrascht in die Verkehrskamera des Tunnels winken und dann auf eine Lautsprecherdurchsage warten. Die Stimme informiert dann darüber, dass sich ein Transportfahrzeug auf den Weg macht. Exakt wie beschrieben, funktioniert es auch und ich gelange im Laderaum eines Kleinbusses durch den Tunnel unter dem Meer. Kostenlos.

Eine besonders coole Radstrecke offenbart sich mir. Nicht ganz erlaubt, aber die Bauarbeiter geben mir grünes Licht für das Befahren eines Highwayabschnittes, der für Autos noch unzugänglich ist. Da sich der neue Abschnitt auch noch nicht auf der Google Landkarte befindet, weiß ich leider nicht, wie weit ich folgen kann. Kommunikation mit Bauarbeitern bringt auch keine weiteren Erkenntnisse darüber, da allesamt nicht der englischen Sprache mächtig sind. Ich entscheide mich für eine Abfahrt, um auf die eigentliche Route zurückzukehren. Ganz falsche Entscheidung. Vier riesige Hütehunde stehen wie Wölfe in der Ferne auf der Straße. Kein Haus, kein Mensch, selten ein Auto. Schieben muss ich auch, da es steil bergauf geht. Sie erblicken mich und beginnen zu kläffen. Ich bin noch weit genug entfernt, um eine Entscheidung treffen zu können. Entweder zurück auf den Highway, von dem ich nicht weiß, wie lange er noch ausgebaut ist oder ins sichere Verderben der Zähne fletschenden Riesenköter. Ich hole den Tennisball aus meiner Jackentasche, den ich als Ablenkungsvariante immer griffbereit dort habe und gucke ihn an. Ich muss lachen, als ich mir versuche vorzustellen, damit alle Angreifer zu verwirren. Niemals! Ich kehre zurück auf den Highway und behalte mein Leben. Trotzdem. Sowas nervt. All zu weit komme ich auf dem Highway aber auch nicht mehr. Die nächste Ausfahrt ist Endstation und ich gelange wieder auf die Bundesstraße. Zwei Tage quer durchs Innland später, erreiche ich dann eine weitere Autobahn mit sehr wenig Verkehr. Ich komme so gut vorwärts, kann entspannt nebenbei Musik hören und fahre friedlich der aufgehenden Sonne entgegen. Dann hupt es hinter mir. Ein Krankenwagenfahrer, der mich darauf hinweist, dass es verboten ist, mit dem Fahrrad auf Autobahnen zu fahren. Ich stelle mich dumm und erkläre ihm, dass es auf dieser breiten Fahrbahn so gut wie keinen Verkehr gibt und es nicht gefährlich ist. Gefährlich sind die hundeverseuchten Landstraßen. Er will davon nichts wissen und ruft die Polizei an. Ich nehm das Ganze ziemlich leicht und mache mich über ihn lustig. Trotzdem zeige ich mich natürlich einsichtig und verlasse an der nächsten Ausfahrt die komfortable Autobahn. Die Bundesstraße ist weit entfernt und so gelange ich über schmale Landstraßen durch kleine, ruhige Ortschaften. Olivenbäume, Orangenplantagen, Schafe und Ziegen.

Athen, 248km
Total: 2269km
4.12.2018-9.12.2018

Author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.