In einem Ort mit nicht mehr als ein paar hundert Seelen, komme ich in einem Café mit zwei Boys ins Gespräch, die ungefähr in meinem Alter sind. Costa und Panos. Ich frage sie, ob sie einen Platz zum Zelten  wüssten. Sie beraten sich und rufen einen weiteren Kumpel an. Sein Name ist Apostolis. Seine Familie besitzt ein altes Haus in dem Dörfchen, wo sich die Dorfjugend einen Raum zum Abhängen eingerichtet hat. Apostolis und seine Familie leben nebenan und normalerweise schläft sein älterer Bruder in dem Haus. Dieser hilft jedoch gerade seiner Schwester auf Ithaka bei der Olivenernte. So kann ich das Haus beziehen und auf dem Sofa schlafen. Auch hier haben die Menschen nicht sehr viel. Geben aber umso mehr und nehmen mich auf. Sie bieten mir sogar an, dass ich so lange bleiben kann, wie ich möchte. Ihre Gesellschaft tut mir gut. Panosch spielt auch Gitarre und wir verstehen uns blendend. Drei Nächte verbringe ich hier. Am Abend sitzen teilweise zehn Leute in dem Zimmerchen, wo ich schlafe und interessiert erfragen sie meine Reise. Ich lerne nützliche griechische Vokabeln und bekomme realistische Einblicke in ihr Leben und ihre Kultur. Die Griechen lieben ihr Land und ihre Geschichte. Es ist sehr unterhaltsam, wenn sie über ihre Göttermythologie sprechen. Um jeden Baum, jede Landschaft und jede alte Stadt ranken sich verschiedene Mythen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Es ist niedlich, wie sich die Jugendlichen diese Geschichten untereinander erzählen und darüber diskutieren, wie sie sich zugetragen haben . Bei uns erzählt man sich keine Geschichten beim Abhängen. Auch die Art und Weise, wie man mit den mythischen Göttern umgeht, gefällt mir, da es einen Abstand zu Religion gibt. Ihre Götter sind greifbarer, da sie meistens für irdische Umstände stehen oder verantwortlich sind. Diese Betrachtungsweise von Göttern mag vielleicht zu klein und zu nah sein, aber so dienen die Erzählungen auch seit jeher als Gutenachtgeschichten für Kinder. Eine schöne Tradition.

Apostoli´s Familie hat eine Orangen- und eine Olivenplantage. Es ist Erntezeit und mich interessiert, wie das Pflücken und die Verarbeitung zu Öl abläuft. Ich biete also meine Hilfe an, um einen Tag bei der Ernte dabei sein zu können. Zuerst legen wir Stoffdecken unter die Olivenbäume und dann schlagen wir mit Ästen auf die Baumkronen ein. Manchmal muss ich auch auf einen der untersetzten Bäume klettern, um an die beliebten Steinfrüchte zu gelangen. Ich lasse mich selbstverständlich nicht dafür bezahlen, aber als Arbeiter verdient man damit ungefähr 30 Euro am Tag. Nicht allzu viel  für eine Saisontätigkeit. Orangen pflücken wir an diesem Tag zwar nicht, aber sie berichten mir, dass das auch von Hand geschieht. Bis zu 700 Kilogramm Orangen bewegt ein Plantagenarbeiter am Tag. Immerhin gibt es dabei ständig einen vitaminreichen  Snack zwischendurch, scherzen die Jungs. Auf der Plantage arbeiten noch andere Dorfbewohner. Man geht hier wesentlich familärer miteinander um. Die älteren Herren behandeln die Jungs wie ihre Söhne. Und alle Männer und Jungen haben ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter. Es ist hier normal und üblich, dass man das Elternhaus nicht wirklich verlässt und füreinander sorgt. Costas Vater lädt mich zum Essen in die ansässige Taverne ein. Auch ein paar der anderen Jungs kommen mit. Es gibt griechischen Wein und jede erdenkliche griechische Spezialität. Leider muss ich auch an diesem Abend wieder von meiner vegetarischen Linie abweichen, da viel Fleisch aufgetischt wird und ich natürlich von allem kosten soll, was die einheimischen Bauern produzieren. Es ist der Respekt, mit dem sie ihren Tieren begegnen und sie seit Jahrhunderten verehren, der mein Gewissen dem gegenüber etwas beruhigt. Außerdem sprechen wir hier nicht von grässlicher Massentierhaltung. Die Tiere wissen hier, wie eine grüne Wiese aussieht und liegen nicht ihr gesamtes Leben auf engstem Raum in ihren eigenen Fäkalien. Ein bewusster Fleischkonsum würde die Natur “Hallelujah” schreien lassen. Anyway. Costas Vater erzählt viel über die Deutsch-Griechische Geschichte und ihre Verbindung. Auch hier lieben und kennen die Leute unsere Bundeskanzlerin. Sie sehen Deutschland als das Land, welches die Richtung in Europa angibt und legen viel Wert auf eine starke Freundschaft nach den Ereignissen vom zweiten Weltkrieg. Ihr ausgeprägter Vaterlandsstolz kombiniert mit Weltoffenheit ist zwar eine außergewöhnliche Mischung, aber denoch  fortschrittlich. Churchill sagte einst: “Die Griechen kämpfen nicht wie Helden, sondern Helden kämpfen wie Griechen.” Adolf Hitler: “Nur die Griechen kämpften mit dickem Mut und höchster Missachtung des Todes.” Ich verachte Krieg und Gewalt, aber das, was die Beiden über die Griechen sagen, ist bis heute spürbar. Sie sind eine brüderliche Einheit und begegnen sich untereinander hilfsbereit und herzlich. Etwas mag dies wohl auch dem geschuldet sein, dass alle Männer für wenigstens neun Monate zur Armee müssen. Wehrpflicht. Aber nicht, wie ein gut bezahlter, deutscher Rekrut, der sich abends von seinem Sold auf Stube mit seinen Kumpels betrinkt. Nein. Sie bekommen acht (!) Euro im Monat. Wer sich weigert, wird strafrechtlich verfolgt. Die Politik sieht nicht vor, die Wehrpflicht in naher Zukunft abzuschaffen, obgleich auch hier ein pazifistischer Ruck durch die jüngeren Generationen geht, der eine Ablehnung der gesetzlichen Verpflichtung nach sich zieht.

Gastfreundschaft wird hier eher mit Fremdenfreundschaft übersetzt. Ihr Credo: “Ein Fremder geht erst, wenn er gesättigt und gesund ist.” Jamas! Die Mutter von Apostolis versorgt mich jeden Tag mit ausgezeichnetem Mittagessen. Bei jeder Mahlzeit wird das selbstproduzierte Olivenöl verwendet. Bei Demeter, der griechischen Göttin für Ackerbau und Reichtümer der Erde, sowas habe ich noch nicht geschmeckt. Das Öl ist nicht nur besonders sanft, fruchtig und lecker, sondern hat auch heilende Wirkung auf die Haut. Man vermag es beinah zu trinken. Nicht vergleichbar mit dem, was bei uns im Supermarkt steht. Panosch hat ein Auto und ist schon seit zehn Jahren nicht mehr in Athen gewesen. Sprit kostet genauso viel, wie in Deutschland. Hinzu kommt Straßenmaut. Ich rechne aus, dass es bei meinen täglichen Ausgaben am Ende ungefähr das gleiche ergeben würde, wie eine Autofahrt nach Athen. Über einen Roadtrip nach Athen würden sich die Jungs auch freuen. Wir beschließen also, mein Bike in den Corsa zu quetschen und eine Abschiedstour in die Hauptstadt zu unternehmen. Es ist nicht mein erster Besuch in der Stadt der antiken Philosophen und Denker. Ein Familienurlaub hat mich vor einigen Jahren schon einmal hergebracht. Ich trinke noch einen Kaffee mit den Jungs und dann trennen sich unsere Wege. Etwas schwer fällt der Abschied, weil wir Freunde geworden sind, aber kein Abschied ist für immer und wir versichern uns gegenseitige Hilfe, Kontakt und Gastfreundschaft, wenn sich unsere Wege wieder kreuzen.

Athen, 200km
Total: 2469km
10.12.2018-16.12.2018

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