Von Lil Morgans Unterkunft sind es 5 Kilometer bis zur ersten größeren Straßenkreuzung in Flugplatznähe, wo es Sinn macht, den Daumen rauszuhalten. Abgesehen von den 2 Kilometern in Athen zur Bushaltestelle, ist das der längste Walk, den wir mit unserem gesamten Pack unternehmen. Immer wieder halten Taxis und Kleinbusse neben uns und fragen, warum wir zu Fuß gehen. Sie können sichtlich nicht verstehen, warum der Weiße Mensch nicht einfach etwas Kohle von seinem unermesslichen Reichtum locker macht, um solchen Strapazen aus dem Weg zu gehen. Die Sonne knallt erbarmungslos auf die ausgetrocknete Großstadt, aber im angenehmen Schritttempo erreichen wir unser erstes Ziel recht mühelos. Ab jetzt lautet die strenge Devise, kein Geld mehr für die Fortbewegung in die Hand zu nehmen. Wir legen unser Gepäck an den Straßenrand und Jacub, als erfahrener Hitchhiker, hält den Finger raus. Ich muss schmunzeln und bin aufgeregt. Es dauert sage und schreibe 2 Minuten, bis ein Kleintransporter anhält. Der Herr ist 40 Jahre alt und mit seinem Arbeitsauto einer Reinigungsfirma unterwegs. Sein Englisch reicht zur Verständigiung und unser Amharisch bringt ein gewisses Maß an Respekt und Sympathie in die Unterhaltung. Rebekah sitzt auf dem Beifahrersitz und Jacub und ich nehmen im Laderaum Platz. Der Mann bringt uns ein gutes Stück aus dem Umfeld der Großstadt und setzt uns am Straßenrand neben einer Leitplanke ab. Wieder stapeln wir unser Gepäck an der Straße und warten auf den nächsten Ride. Einige Autos stoppen, fahren aber weiter, wenn sie hören, dass wir keinen Cent bezahlen möchten. Ein kleiner LKW mit zwei jüngeren Männern kommt zum Stehen. In der Fahrerkabine ist nur noch Platz für 2 weitere Personen, aber wir können unser Zeug auf die Ladefläche schmeißen und Jacub nimmt darauf Platz. Die beiden sprechen leider nicht viel Englisch, aber sie teilen ihre Wassermelone mit uns und setzen uns nach 30 Kilometern an der Autobahnausfahrt ab, die weiter Richtung Süden führt. Ich gebe den Jungs je einen Dollar und sie freuen sich sehr über ihr Souvenir. Ein paar 100 Meter weiter passieren wir die Mautstelle, wobei uns ein Pick up überholt.

Das Fahrzeug stoppt hinter der Schranke und eine Dame aus den USA lässt ihr Fenster herunter. Sie und ihr Mann aus Äthiopien arbeiten für eine Hilfsorganisation und bieten aus freien Stücken einen Lift in die nächste Kleinstadt an. Die staubige Kreuzung, bis zu der sie uns mitnehmen können, ist voller Menschen und ziemlich chaotisch. Häufig auf den Straßen vertreten ist, neben den vielen Kleinbussen und Taxis, auch ein Gefährt namens TukTuk. Ein dreirädriges Personentransportmittel mit Mopedantrieb. Die Menschen blicken uns an, als wären wir Tiere im Zoo, als wir die Straße hinunter gehen, um einen geeignetteren Spot zum Hitchhiken zu finden. Aus den zahlreichen Ständen, Läden und kleinen Restaurants schallt es immer wieder: “Hey, how are you?” oder “Hello, drink a coffee over here?” oder “Where are you going?”. Sie sind zwar freundlich, aber es ist offensichtlich, dass sie den Weißen mit viel Geld verbinden. Wir verlassen das Gewusel und die Gegend wird ländlicher. Kinder begleiten uns und einige fragen nach Geld. Immer, wenn uns jemand vom selbstgebauten Ast-Reisig-Zaun erblickt, wird die ganze Familie zusammengetrommelt, um den weißen Exoten zu besichtigen. Einige von ihnen kennen ihn nur in Form von Zuckerbergs Gesicht auf den Facebookplakaten in einigen Shops. Ich kann nicht hundertprozentig für die anderen Beiden sprechen, aber mir ist diese Situation nicht besonders angenehm. Ich kann nichts für all diese Menschen tun und sie denken, dass ich es könne. Ich habe mir aufgrund verschiedener Ereignisse dieser Art in Addis Abeba eine große Tüte Bonbons gekauft, aber fängt man an, diesen Kindern etwas zu geben, wird die Menschentraube schnell größer. Es ist zwecklos. Und anstrengend.

Entlastenderweise hält endlich ein älterer, geräumiger Geländewagen an. Wir können unsere Rucksäcke und die Gitarre in den Kofferraum quetschen und setzen uns zu dem 50-Jährigen Herrn ins Auto. Wie 90% der Bevölkerung hier, gehört auch er der christlich-orthodoxen Kirche an. Er kann uns 4 Stunden durchs Land mitnehmen. Die Kommunikation gestaltet sich recht schwierig und wir sind auch alle kaputt vom Wandern in der Sonne. Hinzu kommt, dass bei mir kleine Folgewirkungen der Gelbfieberimpfung einsetzen. Ich bin etwas verschnuppert und verspüre einen Anflug von Fieber. Aufgrund dieser Umstände haben wir bereits vor der Fahrt abgemacht, dass Rebekah auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. Sie ist kommunikativer und die männlichen Fahrer freuen sich über ihre Gesellschaft. Dinge, die aber auch zu unseren Präventivmaßnahmen gehören, sind Codewörter, wie “Alabama”, falls sich jemand unwohl fühlt oder eine zwielichtige Situation vermutet wird. Der Mann ist jedoch äußerst freundlich und ich kann beruhigt auf der Rückbank schlafen. Auf dem Weg zur Heimatstadt des Fahrers, gabeln wir noch seine Ehefrau und seine Schwester auf. Zu viert wird es jetzt etwas kuschelig auf der Rückbank. Wir erreichen “Shashamane” bei Nacht. Schon während der Fahrt, hat uns der Mann für verrückt erklärt, weil wir draußen im Zelt schlafen wollen. Er bittet uns mehrmals, bei ihm und seiner Familie zu übernachten. Es soll traditionelles Injera zum Abendbrot geben. Dieses Gericht ist mittlerweile zu unserem Leibgericht geworden. Wir lehnen das großzügige Angebot nicht ab und Ehefrau und Mann freuen sich über unseren Besuch bei ihnen. Als wir am Haus ankommen, sind da auch Bodjo (13) und Marjam (23), die Söhne des Mannes. Ihr Englisch ist gut genug, um beim Abendbrot einige Informationen austauschen zu können. Nach dem Tischgebet, welches die Ehefrau leidenschaftlich vorträgt, wird das Injera serviert. Dieses wird überall und in jeder gesellschaftlichen Schicht mit der rechten Hand gegessen. Vorrangig ohne Besteck. Man reißt sich dafür eine Ecke von dem fladenbrotähnlichen Teig ab und greift damit in die Bohnen, Kartoffeln, Hackfleisch oder Soße. Dann balanciert man diesen Bissen kleckerfrei in seinen Mund. Auch üblich ist, dass nur ein großer Teller in die Mitte gestellt wird und alle am Tisch davon essen. Mit diesen Teilen der Esskultur können wir uns weitesgehend identifizieren. Man stellt einen engeren Kontakt zu dem Essen her, welches man in seinen Körper schaufelt. Das Essen mit den Händen scheint auch Kindheitserinnerungen zu wecken, da es tatsächlich glücklich macht. Man verspürt mehr Freude beim Essen. Ein anderer Teil der Esskultur ist für uns alle jedoch sehr unangenehm. Den Leuten hier ist nicht nur die Bindung zum Essen sehr wichtig, sondern natürlich auch die Bindung zu demjenigen, mit dem man das Gericht teilt. Als Geste, dass man das gemeisame Essen und die Gesellschaft genießt, schiebt man seinem Dinnerpartner also einen dieser Fladenbrotbissen direkt in den Mund. Glücklicherweise hat uns Demeke in Addis Abeba darüber aufgeklärt und wir sind nicht komplett überrannt, als sich Marjam zu uns beugt und Jakub den ersten saftigen Fladenbrotbissen zwischen seinen Fingern serviert. Es ist durchaus eine interessante Situation, aber ich muss mir trotzdem das Lachen verkneifen. Dieses gegenseitige Füttern ist keine Zeremonie oder unterliegt irgendwelchen Regeln. Es passiert einfach hin und wieder. Ohne Ankündigung. Ich möchte das nicht erfahren. Mir reicht der Anblick. Rebekah ist die Nächste. Ich rolle mir derweil grinsend selber einen großen Bissen zusammen und sorge bis zum Ende des Mahls stets dafür, dass mein Mund immer gefüllt ist, um dieser Prozedur heimlich zu entgehen. Es ist nicht so, dass ich es nicht verstehe, warum diese Art und Weise der Nahrungsaufnahme Bestandteil der Esskultur ist. Es macht defintiv Sinn, um eine gewisse soziale Bindung zu vertiefen, aber ich möchte einfach keine anderen Finger in meinem Mund. Natürlich spielt die Handhyghiene deshalb eine entscheidende Rolle. In Restaurants stehen je nach Standart entweder Waschbecken oder Wasserkanister in den Gasträumen zur Verfügung, die vor und nach der Mahlzeit genutzt werden. In der familiären Runde heute, kommt Kiris, die 8-Jährige Tochter, mit einer Schale und einem Gefäß mit Wasser herum und übergießt unsere Hände sorgfältig. Wir gehen zeitig ins Bett, da die Uhren in Äthiopien aufgrund der gnadenlosen Sonne etwas anders ticken. Nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich.

Der Tag beginnt 06:00Uhr in der Frühe, was in Äthiopien 01:00Uhr bedeutet. Wir sollen, aber sogar 05:30Uhr aufstehen, um mit Bodjo, Marjam und ihrem Vater zu einem erholsamen Naturschauspiel zu fahren. Während der Nacht tritt die Mutter des Hauses zweimal an unsere Schlafmatratze auf dem Boden und spricht ein Gebet für uns. Sie ist stark mit der Religion verbunden. Beinah vernarrt. Fast blind. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich mein grundsätzlich negatives Bild von Religion in Afrika stark zum positiven entwickelt. Der kleine Jesus-Sticker auf dem Lenkrad des Taxifahrers gibt schon etwas Sicherheit darüber, dass der Mann kein Mörder oder Dieb ist. Religion ist in ihren Grundzügen wertvoll für die Menschen in einer Gesellschaft. Religion wird nur leider schnell zu klein für die Realität. Realität bietet mehr Möglichkeiten, als Jahrtausend alte Zeilen in einem Buch. Erst, wenn Religion versteht, dass sie durch Glaube miteinander verbunden ist, wird Religion modern und verhindert sture, manipulative Betrachtungsweisen. So gut wie jede Religion glaubt an einen Gott als Ursprung oder Urimpuls, aber anstatt zu manifestieren, dass das Wesen des Glaubens eine Gemeinsamkeit ist, streitet man darüber, ob der Gott blau oder gelb ist. Whatever. Es ist noch dunkel, als wir am Morgen ins Auto steigen. Die Fahrt dauert ungefähr 30 Minuten und langsam beginnt sich das rot-braune Land, grün zu färben. Trocken bleibt es aber trotzdem. Wir verlassen die Hauptstraße und folgen einem holprigen Weg durch den Jungle. Bananenplantagen auf der rechten Seite und Palmen auf der linken. Einige Menschen am Wegesrand scheinen auch zu dem Ort zu wandern. Wir erreichen einen kleinen Parkplatz im Wald. Die Sonne beginnt aufzugehen. Vögel zwitschern. Alles wirkt sehr ruhig und idyllisch. An einem Kassenhäuschen aus Palmenholz und Blätterdach bezahlen wir umgerechnet 0,50$. Der Familienvater bezahlt für uns. Eine Treppe bringt uns zum plätschernden Wasser. Heiße Quellen, vulkanischen Ursprungs.  Wir sind nicht die einzigen hier, aber definitiv die einzigen Weißen. Das warme Wasser fällt durch 4 Öffnungen in eine Art Gemeinschaftsduschraum. Damen und Herren getrennt voneinander. Im Herrenduschraum tummeln und drücken sich bis zu 6 schwarze Körper unter einem Wasserschwall. Sie tragen Badehosen. Sie lachen, tanzen und haben Spaß, gucken aber auch nicht schlecht, als wir beiden Weißbrote den Duschraum betreten. Die einzige Möglichkeit für uns, auch etwas von dem warmen Wasser abzubekommen, besteht darin, zu ihnen zu tanzen und gemeinsam Körper an Körper die Gabe der Natur zu empfangen. Marjam und Bodjo kringeln sich vor Lachen beim Anblick dieser sehr internationalen Begegnung. Nach dieser fröhlichen Gemeinschaftsdusche geht es dann in ein ruhigeres Becken mit heißem Wasser. Auch hier ist es voll, aber jeder findet ein Plätzchen, ohne übermäßigen Körperkontakt. Der warme Wasserdunst in der Luft ist genau das Richtige für meine verschnupfte Nase. Im Frauenbereich bei Rebekah lief wohl in etwa alles identisch ab. Wirklich sehr erholsam. Wir kehren ins Städtchen Shashamane zurück, wo uns der Vater in seinem Lieblingsrestaurant zu einem Injera-Frühstück einlädt. Das Zeug gibt es wirklich immer und überall. Ist aber auch sehr lecker. Ich passe einen kurzen Moment nicht auf und dann passiert es doch. Marjam, der kleine Wicht, hält mir seinen Fladenbrotbissen ins Gesicht, um mich damit zu füttern. Natürlich lehne ich diese großzügige Geste nicht ab und bedanke mich mit vollem Mund und einem Laut des Genusses für diesen köstlichen, kulturellen Brauch. 

In ihrer Kirche gibt es eine Gitarre und sie bitten mich, bei der Mittagspredigt, einen Song für die Gemeinde zu spielen. Nach all dem, was die Familie für uns getan hat, ist das wohl kein Problem, auch wenn das bedeutet, dass sich unsere Weiterreise um einige Stunden verschiebt. Die Kirche des Ortes ist nicht mit einer christlichen Kirche aus Europa zu vergleichen. Viel mehr ist sie ein Haus, auf dessen Dach ein Holzkreuz befestigt ist. In dem Gebäude ist es jedoch viel zu heiß, weshalb außerdem ein großerPavillion aus Holz und Plane vor dem Kirchengebäude steht, in dem auch die Predigt abgehalten wird. Das Pult des Bischofs steht auf einer kleinen Bühne und der Rest des Raumes ist mit Holzsitzen bestuhlt. Bevor der Bischof die Predigt startet, spiele ich den Leuten ein Liedchen. Alle freuen sich sehr über unseren Besuch. Der Bischof ist noch verhältnismäßig jung, bringt aber mit seiner ausdrucksvollen Vortragsweise die orthodoxe Gemeinde zum Toben. Es ist nämlich ganz und gar nicht ruhig unter dem religiösen Pavillion. Vorrangig die Mädchen und Frauen juchzen, trällern Indianerlaute, reißen ihre Arme in die Luft, fallen auf die Knie und rufen voller Ehrfurcht “Hallelujah” in den Himmel. Das Programm des Bischofs beinhaltet auch Lieder, die alle gemeinsam singen und die Bodjo mit dem Keyboard begleitet. Wir haben uns in der hintersten Reihe platziert und folgen interessiert, aber auch etwas gefasst der Prozedur. Als der Bischof nach gut 1,5 Stunden zum Ende seiner mitreißenden Vorstellung kommt, bittet er mich aufzustehen.      Einige Damen, die es nicht mehr auf dem Hocker gehalten hat, stehen auch. Die anderen sitzen. Er spricht kein Englisch und stellt mir deshalb einen Übersetzer an die Seite. Er beginnt inbrünstig zu reden und deutet mit dem Zeigefinger auf mich. Der Übersetzer sagt: ” Heute morgen kannte ich dich noch nicht, aber als ich dich während meiner Rede ansah, habe ich es in deinen Augen gesehen. Jesus hat dich ausgewählt, um die Generation zu schützen. Du solltest den Kontakt zu ihm suchen, ihm zuhören und ihm vertrauen.” Ob es tatsächlich der heilge Schein ist, den er über mir sieht oder eine großzügige Spende für seine Gemeinde, kann ich bis heute nicht eindeutig sagen. Dennoch fühle ich mich geehrt und nehme seine Informationen zur Kenntnis. Nach dem Spektakel verabschieden wir uns geschlossen von der christlichen Gruppe und verlassen, wie die drei heiligen Könige, den Schauplatz. Wir steigen mit dem Vater ins Auto und er bringt uns zur Hauptstraße am Ortsausgang. 


Shashamane

01.02.2019-02.02.2019

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